Wie jede Operation ist auch die Karpaltunnel-Operation mit Risiken verbunden. Gleichzeitig zählt sie zu den am häufigsten durchgeführten handchirurgischen Eingriffen mit insgesamt sehr guten Ergebnissen. Dieser Beitrag erklärt, welche Risiken, Nebenwirkungen und möglichen Komplikationen tatsächlich auftreten können, wie häufig sie sind und welche Beschwerden nach dem Eingriff normal sind. So erhalten Sie eine realistische Einordnung jenseits von unnötiger Angst oder falscher Sicherheit.
Die Karpaltunnel-Operation gehört zu den häufigsten Eingriffen überhaupt. In Österreich und Deutschland werden jährlich Hunderttausende dieser Operationen durchgeführt – mit insgesamt sehr guten Ergebnissen. Trotzdem ist es gut, vorher zu wissen, was passieren kann. Nicht um Angst zu machen, sondern damit Sie mit realistischen Erwartungen in den Eingriff gehen.
Dieser Beitrag erklärt die möglichen Risiken sachlich, ordnet sie ein und zeigt, wann ein Problem wirklich ernst zu nehmen ist.
Bei der Operation wird das Retinaculum flexorum durchtrennt – das Band, das auf den Medianusnerv drückt. Das kann offen oder endoskopisch erfolgen. Alles zum genauen Ablauf, den zwei Techniken und der Nachsorge erklärt der Beitrag Operation beim Karpaltunnelsyndrom – Ablauf, Nachsorge und Erholungsphase.
Wie sicher ist die Operation? Das sagen die Zahlen
Eine große britische Kohortenstudie der Universität Oxford hat über 855.000 Karpaltunnel-Operationen ausgewertet, die zwischen 1998 und 2017 im National Health Service durchgeführt wurden. Das Ergebnis: Schwerwiegende Komplikationen innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff traten bei weniger als 0,1 % der Patienten auf [1]. Die Re-Operationsrate lag bei etwa 3,4 % – gemessen über einen durchschnittlichen Beobachtungszeitraum von 7,5 Jahren [1].
Das bedeutet: Die große Mehrheit der Betroffenen hat nach der Operation keine ernsthaften Probleme. Es ist ein Routineeingriff mit einer niedrigen Komplikationsrate.
Trotzdem gibt es Risiken, und diese sollten bekannt sein.
Allgemeine Risiken: selten, aber möglich
Wie bei jedem chirurgischen Eingriff können auch bei der Karpaltunnel-OP allgemeine Komplikationen auftreten:
Wundinfektion und Wundheilungsstörungen: Tiefe Infektionen treten bei unter 0,5 % der Eingriffe auf. In einem sterilen OP-Saal mit korrekter Nachsorge ist das Risiko gering.
Nachblutungen: Sie sind ebenfalls selten und in der Regel selbstlimitierend. Der Eingriff wird üblicherweise in Blutleere durchgeführt, was das Risiko zusätzlich minimiert.
Reaktion auf das Betäubungsmittel: Die Operation erfolgt unter Lokalanästhesie. Allergische Reaktionen auf Lokalanästhetika sind extrem selten.
Narbenbeschwerden: Schmerzen im Narbenbereich können nach beiden Operationsmethoden auftreten. Sie klingen jedoch in der Regel innerhalb von sechs Monaten ab. Nach der endoskopischen Methode sind Narbenschmerzen seltener, da der Schnitt deutlich kleiner ist.
Spezifische Risiken: Was den Nerv direkt betrifft
Weil beim Eingriff in unmittelbarer Nähe des Medianusnervs gearbeitet wird, gibt es spezifische Risiken, die direkt mit der Anatomie zusammenhängen.
Reizungen durch Druck und Zug
Schon das Einführen von Instrumenten kann vorübergehende Reizungen des Nervs verursachen: ein elektrisierendes Kribbeln, Taubheitsgefühl in einzelnen Fingern. Das klingt in den meisten Fällen innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen ab.
Verletzung des Medianusnervs
Eine echte Durchtrennung des Nervs – verbunden mit irreversiblen Nervenläsionen – ist ebenfalls extrem selten und liegt sowohl bei offenen als auch bei endoskopischen Eingriffen weit unter 0,5 %.
Bei der offenen Methode liegt der Nerv frei im Operationsfeld, was eine versehentliche Berührung etwas wahrscheinlicher macht. Bei der endoskopischen Methode arbeitet man weiter vom Nerv weg: Die Übersicht ist hier eingeschränkter, was bei unvollständiger Spaltung Probleme verursachen kann. Erfahrene Operateure können bei schwierigen anatomischen Verhältnissen auf die offene Technik wechseln.
Verletzung kleinerer Nervenäste
In seltenen Fällen kann der Ramus thenaris – ein kleiner Ast des Medianusnervs, der den Daumenballen versorgt – betroffen sein. Eine versehentliche Verletzung ist selten; klinisch relevante Folgen treten nur in Ausnahmefällen auf.
Unvollständige Bandspaltung: der häufigste Grund für Nachbeschwerden
Wenn Kribbeln oder Nachtschmerzen nach der Operation unverändert fortbestehen, liegt das häufigste Problem vor: Das Retinaculum flexorum wurde nicht vollständig durchtrennt. Ein verbliebener Bandanteil hält die Einengung aufrecht.
Die inkomplette Retinakulumspaltung ist die häufigste Ursache für einen Zweiteingriff [2]. Die Revision bessert in diesen Fällen die Beschwerden in der Regel zuverlässig [2].
Wie erkennt man das? Per Ultraschall kann überprüft werden, ob das Band vollständig durchtrennt wurde. Wer nach der Operation anhaltende Beschwerden hat, sollte das zeitnah abklären lassen – je früher, desto besser. Was bei einem Revisionseingriff passiert und wann er sinnvoll ist, erklärt der ausführliche Beitrag: Karpaltunnelsyndrom nach OP – warum Beschwerden zurückkehren.
Pillar-Syndrom: Schmerzen im Daumenbereich
Viele Betroffene fragen sich nach der Operation: Warum tut die Hand nach Wochen noch weh, obwohl der Eingriff so klein war?
Die Antwort hat einen eigenen Namen: Pillar-Syndrom – auch als „Pillar Pain“ bekannt. Dabei handelt es sich um Schmerzen im Bereich von Daumen- und Kleinfingerballen, die durch die veränderte Spannungsverteilung nach der Bandspaltung entstehen. Das tritt nicht bei allen Betroffenen auf, ist aber auch keine Seltenheit – und klingt in den meisten Fällen von selbst ab. Mehr dazu lesen Sie im ausführlichen Beitrag zum Pillar-Syndrom nach der Karpaltunnel-OP.
Rezidiv: Wenn sich der Karpaltunnel erneut verengt
In seltenen Fällen – besonders bei jüngeren Patienten und bei Menschen mit rheumatischer Synovialitis oder Nierenersatztherapie (Dialyse) – kann Narbengewebe nach zunächst erfolgreicher Operation eine erneute Einengung verursachen [2]. Die Symptome kehren dann zurück, manchmal erst Jahre nach dem Ersteingriff.
Das ist kein Zeichen, dass die erste Operation gescheitert ist. Ob und wann ein Revisionseingriff sinnvoll ist, hängt von Ursache, Befund und Verlauf ab – ausführlich erklärt im Beitrag Karpaltunnelsyndrom nach OP – warum Beschwerden zurückkehren.
Was man realistischerweise erwarten darf
Die Operation zielt darauf ab, nächtliche Schmerzen zu beseitigen und eine weitere Nervenschädigung zu verhindern. Das gelingt in der überwiegenden Mehrheit der Fälle. Was sie nicht garantiert: sofortige, vollständige Beschwerdefreiheit. Kribbeln und Taubheit können je nach Vorschädigung des Nervs noch Monate anhalten, in seltenen Fällen bleiben Restbeschwerden dauerhaft. Das ist kein Behandlungsfehler, sondern ein Zeichen dafür, wie langsam Nerven sich erholen. Wer das weiß, kann besser damit umgehen. Alles zur Heilungsphase und Nachsorge lesen Sie hier: Operation beim Karpaltunnelsyndrom – Ablauf, Nachsorge und Erholungsphase.
Wann Sie unbedingt eine ärztliche Abklärung einholen sollten
Nach der Operation gelten folgende Warnsignale, bei denen eine zeitnahe Kontrolle sinnvoll ist:
- Die Wunde rötet sich, schwillt an oder nässt.
- Die Symptome (Kribbeln, Taubheit) bestehen nach der Operation unverändert weiter.
- Es entstehen neue, stärkere Schmerzen im Handgelenkbereich.
- Es entwickelt sich eine ausgeprägte Empfindlichkeit oder Schwellung, die zunimmt.
Wenn Sie vor einer Karpaltunnel-OP stehen und wissen möchten, was Sie persönlich erwartet, stehen wir Ihnen in unserer Ordination in Wien für ein Beratungsgespräch gerne zur Verfügung. Offene Fragen lassen sich so am besten klären.
Hier finden Sie alle Informationen bezüglich Beratung und Terminen.
Quellen
[1] Lane J. et al. (University of Oxford): Kohortenstudie zu Komplikationen und Reoperationsraten nach operativer Dekompression beim KTS. NHS-Daten 1998–2017, n = 855.832. Zusammenfassung: gelbe-liste.de
[2] AWMF S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms. Register Nr. 005/003. Stand 2022. awmf.org (PDF)
Alles zum Operationsablauf sowie zur Heilung lesen Sie in diesem Beitrag nach: https://carpaltunnelsyndrom.at/karpaltunnelsyndrom-op-ablauf-und-3-tipps-zur-heilung/

Mein Name ist Dr. Georg Bézard
Ich bin Facharzt für Orthopädie, Traumatologie und Unfallchirurgie mit Spezialisierung auf die arthroskopische und endoskopische Chirurgie. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt seit vielen Jahren auf der endoskopischen Behandlung des Karpaltunnelsyndroms, auf das ich mich konsequent spezialisiert habe. Die kameraassistierte Schlüsselloch-Technik verbindet für mich moderne Gelenkchirurgie mit präziser Handchirurgie. In meiner Praxis, auf meinen digitalen Kanälen und in meinem Newsletter erkläre ich medizinische Zusammenhänge verständlich und klar.