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Karpaltunnelsyndrom feststellen: Ultraschall oder Nervenleitgeschwindigkeit?

Karpaltunnelsyndrom feststellen: Ultraschall oder Nervenleitgeschwindigkeit?

Die Nervenleitgeschwindigkeit bleibt der Goldstandard – bei klarer Symptomatik ist der Ultraschall aber diagnostisch völlig ausreichend.
Was beide Untersuchungen können, und warum auch der Goldstandard irren kann.

Zwei Untersuchungen können ein Karpaltunnelsyndrom bestätigen: die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und der hochauflösende Ultraschall. Patientinnen und Patienten fragen mich regelmäßig, ob die eine die andere ersetzt – meist, weil sie auf einen NLG-Termin warten sollen und wissen möchten, ob das wirklich sein muss.

Die Antwort vorweg, damit Sie nicht bis zum Schluss lesen müssen.

Das Wichtigste in Kürze

• Die Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) bleibt der Goldstandard. Sie ist die Grundlage für die Einteilung des Schweregrads und für die Entscheidung über eine Operation.
• Bei klarer, typischer Symptomatik ist der Ultraschall diagnostisch völlig ausreichend – vorausgesetzt, er wird von jemandem durchgeführt, der das regelmäßig macht.
• Der Ultraschall ist untersucherabhängig. Das ist seine größte Schwäche, und sie lässt sich nicht wegdiskutieren.
• Auch die NLG ist nicht perfekt: Sie kann auffällig sein, obwohl gar keine Beschwerden bestehen – und unauffällig, obwohl der Patient deutliche Symptome hat.
• Beide Verfahren sind keine Konkurrenten. Sie beantworten verschiedene Fragen.

Was die Nervenleitgeschwindigkeit misst

Die NLG misst die Funktion des Mittelnervs. Über Elektroden auf der Haut wird der Nerv gereizt und gemessen, wie schnell und wie kräftig das Signal ankommt. Ist der Nerv im Karpaltunnel eingeengt, verzögert sich die Weiterleitung genau an dieser Stelle.

Der große Vorteil: Die Messung liefert Zahlen. Sie sagt nicht nur, ob eine Schädigung vorliegt, sondern auch wie ausgeprägt sie ist. Daraus ergibt sich die Einteilung in Schweregrade, und daran hängt die Behandlungsentscheidung: Ein leichter Befund lässt sich oft konservativ behandeln, ein fortgeschrittener nicht mehr.

Deshalb ist die NLG bei uns Voraussetzung vor einer Operation. Ohne sie fehlt der objektive Ausgangswert – und damit auch die Vergleichsgrundlage, falls später einmal Beschwerden zurückkehren.

Was der Ultraschall zeigt

Der Ultraschall misst nicht die Funktion, sondern zeigt die Form. Ein eingeengter Nerv staut sich vor der Engstelle und schwillt an. Genau das lässt sich messen: die Querschnittsfläche des Mittelnervs am Eingang des Karpaltunnels. Ab einem bestimmten Wert gilt sie als auffällig.

Der Ultraschall kann außerdem etwas, das die NLG grundsätzlich nicht kann: Er zeigt die Ursache. Ein Ganglion, eine verdickte Sehnenscheide, eine anatomische Variante des Nervs, eine zusätzliche Arterie – all das sieht man im Bild, aber in keiner Messkurve. Bei Beschwerden nach einer Voroperation ist der Ultraschall aus demselben Grund besonders hilfreich.

Dazu kommen praktische Vorteile: Er tut nicht weh, dauert wenige Minuten, ist beliebig oft wiederholbar und in der Regel schneller verfügbar als ein NLG-Termin.

Wie gut sind die beiden – in Zahlen

Eine Metaanalyse hat beide Verfahren direkt gegenübergestellt:

Ultraschall: Sensitivität 0,80, Spezifität 0,90
NLG und EMG kombiniert: Sensitivität 0,89, Spezifität 0,77

Übersetzt: Die NLG findet mehr echte Fälle (höhere Sensitivität). Der Ultraschall schlägt seltener falschen Alarm (höhere Spezifität). Für die Messung der Nervenquerschnittsfläche am Tunneleingang – dem aussagekräftigsten Ultraschallbefund – werden in der Literatur Sensitivitäten bis 94 Prozent und Spezifitäten bis 98 Prozent berichtet.

Kurz: Der Ultraschall ist der NLG in der Treffsicherheit ebenbürtig. Er ersetzt sie aber nicht, weil er die Schwere der Nervenschädigung nicht beziffern kann.

Warum auch der Goldstandard nicht perfekt ist

Das wird selten offen gesagt, gehört aber zur Wahrheit dazu.

Die NLG kann auffällig sein, ohne dass Beschwerden bestehen. In einer Untersuchung an 40 Händen von Menschen ohne jedes Anzeichen eines Karpaltunnelsyndroms war die NLG in 43 Prozent der Fälle auffällig – der Ultraschall dagegen nur in 23 Prozent. Elf Personen hatten einen falsch positiven NLG-Befund bei unauffälligem Ultraschall, umgekehrt waren es nur zwei.

Die NLG kann unauffällig sein, obwohl der Patient deutliche Beschwerden hat. Etwa ein Viertel der Betroffenen mit typischem Beschwerdebild hat eine normale Messung. Der Grund ist gut belegt: Die Symptome gehen den messbaren Veränderungen um Monate bis Jahre voraus. Gerade wer früh kommt – und das ist medizinisch das Beste, was man tun kann –, riskiert einen unauffälligen Befund.

Und sehr viele Befunde liegen im Graubereich. In einer Untersuchung von 309 Händen lag bei 46 Prozent mindestens ein elektrodiagnostischer Wert innerhalb von zehn Prozent des Schwellenwerts – also genau an der Grenze zwischen „normal“ und „auffällig“.

Das ist kein Argument gegen die NLG. Es ist ein Argument dagegen, sie als alleiniges Urteil zu behandeln. Ein Messwert ersetzt keine Untersuchung und kein Gespräch.

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Die Schwachstelle des Ultraschalls: der Untersucher

Fairerweise gehört die andere Seite genauso dazu. Der Ultraschall ist untersucherabhängig, und zwar mehr als jedes andere bildgebende Verfahren. Ein Röntgenbild sieht gleich aus, egal wer auf den Auslöser drückt. Beim Ultraschall entscheidet die Person am Schallkopf über die Bildqualität: Schallkopfführung, Winkel, Druck auf das Gewebe, die Wahl der Messebene.

Wird die Querschnittsfläche an der falschen Stelle oder in schräger Schnittführung gemessen, kommt ein falscher Wert heraus – und das Gerät sagt es nicht. Deshalb der Vorbehalt, der oben schon stand: Der Ultraschall ist bei klarer Symptomatik völlig ausreichend, wenn er von jemandem durchgeführt wird, der ihn regelmäßig durchführt. Ein Ultraschall alle paar Monate reicht dafür nicht.

Was das praktisch für Sie bedeutet

Typische Beschwerden, klarer Befund: Nächtliches Einschlafen der Finger, Kribbeln in Daumen, Zeige- und Mittelfinger, positive klinische Tests – dazu ein eindeutiger Ultraschallbefund. Damit steht die Diagnose. Die NLG ergänzt dann den Schweregrad, sie stellt die Diagnose nicht mehr in Frage.

Unklares Bild: Beschwerden, die nicht recht ins Muster passen, Beteiligung des kleinen Fingers, Verdacht auf eine Ursache an der Halswirbelsäule oder eine Sehnenscheidenentzündung. Hier ist die NLG unverzichtbar, weil sie andere Nerven mitprüfen kann.

Frühe Beschwerden, unauffällige NLG: Genau die Konstellation, in der ein normaler Messwert fälschlich beruhigt. Ein auffälliger Ultraschall kann hier den Ausschlag geben.

Beschwerden nach einer Operation: Hier ist der Ultraschall oft die informativere Untersuchung, weil er zeigt, ob das Band vollständig durchtrennt wurde und wie sich das Narbengewebe verhält. Mehr dazu unter Karpaltunnel-OP ohne Besserung.

Wie wir es in der Ordination handhaben

Am Anfang steht das Gespräch und die klinische Untersuchung – Tinel-Zeichen, Phalen-Test, Kraft und Gefühl. Den Ultraschall mache ich unmittelbar dabei, er kostet ein paar Minuten und ist Teil der Untersuchung, kein Extratermin.

Die Nervenleitgeschwindigkeitsmessung lasse ich in unabhängigen Instituten durchführen, in der Regel auf Kasse; wir organisieren rasche Termine. Bewusst nicht im eigenen Haus: Wer die Operation anbietet, sollte nicht auch den Befund erstellen, der sie begründet.

Steht am Ende eine Operation im Raum, klären wir gemeinsam, welches Verfahren passt – von konservativ über endoskopisch bis zur ultraschallgezielten Spaltung ohne Schnitt.

Häufige Fragen

Kann der Ultraschall die NLG ersetzen?
Für die Diagnose bei klarer Symptomatik: ja. Für die Bestimmung des Schweregrads und als Grundlage der Operationsentscheidung: nein.

Muss ich die NLG machen lassen, wenn der Ultraschall schon eindeutig ist?
Vor einer Operation ja. Sie liefert den objektiven Ausgangswert, an dem sich der Verlauf später messen lässt.

Tut die NLG weh?
Die elektrischen Reize sind unangenehm, aber kurz. Die meisten beschreiben es als gut aushaltbar.

Meine NLG war unauffällig, ich habe aber Beschwerden. Bilde ich mir das ein?
Nein. Etwa ein Viertel der Betroffenen mit typischen Symptomen hat eine normale Messung, besonders in frühen Stadien. Der Befund gehört dann in den Zusammenhang von Beschwerdebild, Untersuchung und Ultraschall gestellt.

Wie lange dauert der Ultraschall?
Wenige Minuten, ohne Vorbereitung, ohne Strahlenbelastung, beliebig wiederholbar.

Quellen

• Vergleich von Ultraschall mit EMG und Nervenleitstudien, systematische Übersicht und Metaanalyse: PMC9674040
• Sensitivität und Spezifität des Ultraschalls, Metaanalyse: PMC3048245
• Falsch-positive Raten von NLG und Ultraschall bei Beschwerdefreien: PubMed 30635201
• Grenzwertige Befunde in Ultraschall und Nervenleitstudien: PMC9465794

Dr. Georg Bézard

Mein Name ist Dr. Georg Bézard

Ich bin Facharzt für Orthopädie, Traumatologie und Unfallchirurgie mit Spezialisierung auf die arthroskopische und endoskopische Chirurgie. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt seit vielen Jahren auf der endoskopischen Behandlung des Karpaltunnelsyndroms, auf das ich mich konsequent spezialisiert habe. Die kameraassistierte Schlüsselloch-Technik verbindet für mich moderne Gelenkchirurgie mit präziser Handchirurgie. In meiner Praxis, auf meinen digitalen Kanälen und in meinem Newsletter erkläre ich medizinische Zusammenhänge verständlich und klar.

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