
Oberarzt für Orthopädie, Traumatologie und Unfallchirurgie · seit 18 Jahren spezialisiert auf minimalinvasive Techniken beim Karpaltunnelsyndrom – endoskopisch und ultraschallgezielt ohne Hautschnitt · Wien & Tulln
Kostenlose Erstabklärung am TelefonSie müssen dafür nicht in die Ordination kommen. In 15 Minuten klären wir telefonisch oder per Video, wie Ihre Beschwerden einzuordnen sind und ob überhaupt eine Operation nötig ist – auch als Zweitmeinung.
Zwei Übungen sind beim Karpaltunnelsyndrom tatsächlich untersucht.
Wie sie richtig gehen, was die Studien ehrlich sagen – und wann Üben nicht mehr reicht.
„Gibt es Übungen, mit denen ich die Operation vermeiden kann?“ Diese Frage höre ich fast jede Woche. Die ehrliche Antwort: Übungen können beim Karpaltunnelsyndrom helfen – aber weniger, als die meisten Videos im Internet versprechen. Hier zeige ich Ihnen die zwei Übungen, die tatsächlich untersucht sind, wie man sie richtig macht, und wo ihre Grenzen liegen.
Das Wichtigste in Kürze
• Sinnvoll sind zwei Übungen: die Nervengleitübung und die Sehnengleitübung. Beide sollen den Mittelnerv und die Beugesehnen im Karpaltunnel in Bewegung halten.
• Die Studienlage ist dünn: Die Cochrane-Übersicht von 2012 fand nur begrenzte Belege von sehr niedriger Qualität. Die nächtliche Schiene und die Kortisonspritze sind besser untersucht.
• Übungen eignen sich als Ergänzung bei leichten bis mittelgradigen Beschwerden – nicht als Ersatz für eine Abklärung.
• Dauerhafte Taubheit, Kraftverlust oder ein schwindender Daumenballen sind kein Fall für Übungen. Dann geht Nervensubstanz verloren.
• Grundregel: Üben ohne Schmerz. Kribbeln während der Übung heißt: zu weit.
Was Übungen beim Karpaltunnelsyndrom leisten können – und was nicht
Beim Karpaltunnelsyndrom ist der Mittelnerv (Nervus medianus) an der Handwurzel eingeengt. Ursache ist fast immer ein Missverhältnis: Der Tunnel ist knöchern und durch ein straffes Band begrenzt, er kann nicht mitwachsen. Wird das Sehnengleitgewebe darin dicker – durch Überlastung, Hormone, Schwangerschaft, Diabetes, Rheuma – steigt der Druck auf den Nerv.
Keine Übung der Welt macht diesen Tunnel weiter. Das ist der wichtigste Punkt, und er wird in vielen Ratgebern verschwiegen. Was Übungen leisten können, ist etwas anderes: Sie halten Nerv und Sehnen beweglich. Ein gesunder Mittelnerv gleitet bei jeder Bewegung von Handgelenk und Ellbogen einige Millimeter in seinem Bett hin und her. Ist er eingeengt und gereizt, verklebt er leichter mit dem umliegenden Gewebe, die Gleitfähigkeit nimmt ab, und jede Dehnung zieht stärker am Nerv. Die Gleitübungen sollen genau hier ansetzen.
Das ist biologisch plausibel. Ob es im Alltag einen messbaren Unterschied macht, ist eine andere Frage – dazu weiter unten.
Übung 1: Die Nervengleitübung
Die Nervengleitübung geht auf Totten und Hunter (1991) zurück. Sie besteht aus sechs Positionen, die nacheinander eingenommen werden. Jede Position wird fünf bis sieben Sekunden gehalten, dann geht es zur nächsten. Der Ellbogen ist dabei angewinkelt, der Unterarm liegt locker.
Position 1 – Faust: Handgelenk gerade, die Finger schließen sich zur Faust, der Daumen liegt außen über den Fingern.
Position 2 – Finger strecken: Handgelenk bleibt gerade. Finger und Daumen werden gestreckt, der Daumen liegt seitlich am Zeigefinger an.
Position 3 – Handgelenk nach hinten: Die gestreckte Hand wird im Handgelenk nach hinten gekippt, also Richtung Handrücken. Die Finger bleiben gestreckt, der Daumen angelegt.
Position 4 – Daumen abspreizen: Wie Position 3, zusätzlich wird der Daumen vom Zeigefinger weg nach außen gestreckt.
Position 5 – Unterarm drehen: Wie Position 4, nun wird der Unterarm so gedreht, dass die Handfläche nach oben zeigt.
Position 6 – Daumen sanft dehnen: Wie Position 5, die andere Hand zieht den Daumen behutsam noch ein Stück weiter nach außen.
Wichtig ist, was Sie dabei spüren dürfen: ein leichtes Ziehen in der Hohlhand oder am Unterarm ist in Ordnung. Kribbeln oder Einschlafen der Finger heißt, dass Sie zu weit gegangen sind. Dann gehen Sie eine Position zurück und bleiben dort, bis die nächste beschwerdefrei geht. Die Übung soll den Nerv gleiten lassen, nicht ihn dehnen.
Gerade dieser Punkt wird oft falsch gemacht. Eine Laborstudie an Präparaten (Coppieters und Alshami, 2007) hat gezeigt, dass die klassischen Positionen den Nerv deutlich auf Zug bringen können. Schonender sind sogenannte Gleit-Varianten: Während das Handgelenk nach hinten geht, wird gleichzeitig der Ellbogen gebeugt – der Nerv wird an einem Ende länger, am anderen kürzer und gleitet dadurch, ohne gedehnt zu werden. In dieser Untersuchung bewegte sich der Nerv dabei sogar weiter als bei den klassischen Positionen, bei geringster Spannung. Wer bei Position 3 bis 6 schnell Kribbeln bekommt, ist mit dieser Variante besser bedient.
Übung 2: Die Sehnengleitübung
Im Karpaltunnel liegen neben dem Nerv neun Beugesehnen. Die Sehnengleitübung nach Wehbé (1987) bewegt sie so, dass jede Sehne einmal ihren vollen Weg geht. Auch hier: jede Stellung einige Sekunden halten, das Handgelenk bleibt gerade.
Ausgangsstellung – gerade Hand: Alle Finger gestreckt, wie zum Abklatschen.
Hakenfaust: Nur die vorderen beiden Fingerglieder beugen, die Fingerknöchel bleiben gestreckt. Die Fingerkuppen berühren die Basis der Finger – die Hand sieht aus wie ein Haken.
Volle Faust: Alle Gelenke beugen, die Fingerkuppen liegen in der Hohlhand.
Gerade Faust: Die Fingerknöchel beugen, die vorderen Glieder bleiben möglichst gestreckt, sodass die Fingerkuppen auf den Daumenballen treffen.
Danach zurück in die Ausgangsstellung, und den Daumen einmal in alle Richtungen bewegen. Die Sehnengleitübung ist unproblematischer als die Nervengleitübung, weil sie den Nerv kaum auf Zug bringt.
Als praktischer Rahmen bewährt sich: beide Übungen je fünf Durchgänge, drei- bis viermal am Tag, verteilt über den Tag, etwa bei jeder Arbeitspause. Lieber kurz und regelmäßig als einmal lang.
Was die Studien sagen
Ich möchte Ihnen hier keine Hoffnungen machen, die die Daten nicht tragen.
Die gründlichste Auswertung ist die Cochrane-Übersicht von Page und Kollegen (2012). Sie hat 16 Studien mit 741 Betroffenen zusammengefasst – Nervengleiten, Handwurzel-Mobilisation, Weichteiltechniken, Yoga. Das Ergebnis: begrenzte Belege von sehr niedriger Qualität für einen Nutzen. Die Studien waren klein, unterschiedlich aufgebaut und ließen sich nicht zusammenrechnen. Die Autoren empfehlen, Betroffene genau darüber aufzuklären.
Eine spätere Übersicht nur zu Nervengleitübungen (Ballestero-Pérez und Kollegen, 2017, 13 Studien) kommt zu einem ähnlichen Schluss: Viele Studien berichten über weniger Schmerz und bessere Funktion, aber fast die Hälfte war methodisch schwach. Die Standardbehandlung bleibe für die Schmerzlinderung die erste Wahl, Nervengleiten könne ergänzend die Funktion schneller zurückbringen.
Oft zitiert wird eine ältere Studie von Rozmaryn und Kollegen (1998): Von den Patienten, die zusätzlich zur üblichen Behandlung Nerven- und Sehnengleitübungen machten, wurden 43 Prozent operiert, von denen ohne Übungen 71 Prozent. Das klingt eindrucksvoll. Die Studie ist aber methodisch schwach, und ob die Übungen den Unterschied gemacht haben oder andere Faktoren, lässt sich daraus nicht sicher sagen.
Zum Vergleich: Für die nächtliche Schiene zeigt die entsprechende Cochrane-Übersicht (Page und Kollegen, 2012) zumindest kurzfristig einen Vorteil gegenüber keiner Behandlung. Für die Kortisonspritze ist eine deutliche Besserung im ersten Monat gegenüber einem Scheinpräparat durch hochwertige Studien belegt (Marshall und Kollegen, 2007). Beides ist besser abgesichert als Übungen. Mehr zur Spritze unter Hydrodissektion und Kortisonspritze.
Meine Einordnung: Übungen schaden bei richtiger Ausführung nicht, kosten nichts und geben Ihnen etwas in die Hand. Sie gehören in das Paket der konservativen Behandlung – als Ergänzung zur Schiene, nicht anstelle davon.
Unsicher, was in Ihrem Fall sinnvoll ist?
15 Minuten, kostenlos und unverbindlich – telefonisch oder per Telemedizin. Ordinationen in Wien (Döbling) und Tulln.
Was Sie besser lassen
Knetball und Handtrainer. Die Suche nach „Übungen mit Ball“ ist häufig, und die Idee liegt nahe: Hand kräftigen, Beschwerden weg. Beim Karpaltunnelsyndrom ist Kraft aber nicht das Problem. Messungen im Karpaltunnel haben gezeigt, dass schon geringer Druck mit der Fingerkuppe den Druck im Tunnel deutlich ansteigen lässt – unabhängig von der Stellung des Handgelenks (Rempel und Kollegen, 1997). Kräftiges, wiederholtes Zudrücken ist also genau das, was den Nerv zusätzlich belastet. Kräftigung hat ihren Platz später, wenn überhaupt, und nicht in der Phase mit nächtlichem Kribbeln.
Starke Dehnungen „bis es zieht“. Ein gereizter Nerv verträgt Zug schlecht. Dehnübungen, die das Handgelenk mit Kraft nach hinten drücken, können die Beschwerden verstärken.
Üben trotz Kribbeln. Wenn eine Übung die typischen Beschwerden auslöst, ist sie zu viel. Das gilt ohne Ausnahme.
Wann Übungen sinnvoll sind – und wann nicht mehr
Übungen passen zu einem leichten bis mittelgradigen Karpaltunnelsyndrom: Kribbeln und Einschlafen der Finger vor allem nachts oder bei bestimmten Tätigkeiten, das sich durch Ausschütteln bessert. Dann lohnt ein Versuch über einige Wochen, zusammen mit einer einfachen Nachtschiene.
Übungen passen nicht mehr, wenn:
• die Taubheit auch tagsüber dauerhaft bleibt,
• Gegenstände aus der Hand fallen oder feine Tätigkeiten wie Knöpfe schließen schwerfallen,
• der Daumenballen sichtbar flacher wird,
• die Beschwerden seit vielen Monaten bestehen und trotz Schiene zunehmen.
Das sind Zeichen, dass der Nerv nicht mehr nur gereizt, sondern geschädigt wird. Dann kostet Zuwarten Substanz, die sich später nicht immer zurückholen lässt. Wie man den Schweregrad einordnet, steht unter Schweregrade des Karpaltunnelsyndroms. In dieser Situation ist die Frage nicht mehr, welche Übung hilft, sondern ob und wann operiert werden sollte.
Übungen nach der Operation
Nach einer Karpaltunnel-Operation braucht es in aller Regel kein eigenes Übungsprogramm. Die Finger sollen vom ersten Tag an bewegt werden – Faust machen, Finger strecken, ganz normal im Alltag ohne Kraft. Das verhindert Schwellung und Verklebungen. Physiotherapie ist nur selten notwendig, etwa wenn die Beweglichkeit nach einigen Wochen nicht zurückkommt.
Belastet wird nach einer einfachen Regel: Was keine Schmerzen macht, ist erlaubt. Kräftiges Zugreifen und Aufstützen auf den Handballen gehören nicht in die ersten Wochen. Warum, steht unter Karpaltunnel-OP zu früh belastet. Den gesamten Ablauf finden Sie unter Operation: Ablauf, Nachsorge und Erholung.
Häufige Fragen
Welche Übungen helfen beim Karpaltunnelsyndrom?
Am besten untersucht sind die Nervengleitübung und die Sehnengleitübung. Beide halten Mittelnerv und Beugesehnen im Karpaltunnel beweglich. Die Belege für ihren Nutzen sind allerdings schwach, sie eignen sich als Ergänzung zur Nachtschiene bei leichten bis mittelgradigen Beschwerden.
Kann ich mit Übungen eine Operation vermeiden?
Bei leichten Beschwerden manchmal, vor allem zusammen mit einer Schiene und wenn die Ursache vorübergeht, etwa in der Schwangerschaft. Bei dauerhafter Taubheit, Kraftverlust oder schwindendem Daumenballen nicht – dann ist der Nerv bereits geschädigt.
Wie oft soll ich die Übungen machen?
Bewährt haben sich je fünf Durchgänge, drei- bis viermal täglich, jede Position fünf bis sieben Sekunden gehalten. Regelmäßigkeit ist wichtiger als Dauer.
Sind Übungen mit dem Knetball sinnvoll?
Nein. Kräftiges Zudrücken erhöht den Druck im Karpaltunnel und belastet den Nerv zusätzlich. Kraft ist beim Karpaltunnelsyndrom nicht das Problem.
Was tun, wenn die Finger bei der Übung kribbeln?
Sofort eine Position zurückgehen. Kribbeln heißt, dass der Nerv unter Zug kommt. Die schonendere Variante: Ellbogen beugen, während das Handgelenk nach hinten geht. Wenn auch das Beschwerden auslöst, lassen Sie die Übung weg und lassen Sie die Hand abklären.
Quellen
• Page MJ et al., Übungen und Mobilisation beim Karpaltunnelsyndrom, Cochrane-Review 2012, 16 Studien, 741 Betroffene: PubMed 22696387
• Ballestero-Pérez R et al., Nervengleitübungen beim Karpaltunnelsyndrom, systematische Übersicht, J Manipulative Physiol Ther 2017: PubMed 27842937
• Rozmaryn LM et al., Nerven- und Sehnengleitübungen in der konservativen Behandlung, J Hand Ther 1998: PubMed 9730093
• Coppieters MW, Alshami AM, Gleiten und Zug am Mittelnerv bei verschiedenen Gleitübungen, J Orthop Res 2007: PubMed 17415752
• Totten PA, Hunter JM, Techniken zur Verbesserung des Nervengleitens, Hand Clin 1991: PubMed 1939356
• Wehbé MA, Sehnengleitübungen, Am J Occup Ther 1987: PubMed 3318478
• Rempel D et al., Fingerkraft und Druck im Karpaltunnel, J Orthop Res 1997: PubMed 9246089
• Page MJ et al., Schienenbehandlung beim Karpaltunnelsyndrom, Cochrane-Review 2012: PubMed 22786532
• Marshall S et al., Lokale Kortisoninjektion beim Karpaltunnelsyndrom, Cochrane-Review 2007: PubMed 17443508
Dr. Bézard erklärt es im Video
Karpaltunnelsyndrom ohne Operation: Schiene, Spritze, PhysiotherapieWas bringt die Nachtschiene, was die Kortisonspritze, was die Physiotherapie? OA Dr. Georg C. Bézard ordnet die konservativen Behandlungen ein und sagt, wovon er abrät.