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Nervenverletzung und CRPS (Morbus Sudeck) nach Karpaltunnel-OP

Nervenverletzung und CRPS (Morbus Sudeck) nach Karpaltunnel-OP: wie selten, woran erkennen
OA Dr. Georg C. Bézard

OA Dr. Georg C. Bézard

Oberarzt für Orthopädie, Traumatologie und Unfallchirurgie · seit 18 Jahren spezialisiert auf minimalinvasive Techniken beim Karpaltunnelsyndrom – ultraschallgezielt ohne Hautschnitt, endoskopisch und bei Revisionen · Wien & Tulln

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Nervenverletzung und Morbus Sudeck sind nach der Karpaltunnel-OP selten.
Wie häufig sie tatsächlich sind, woran man sie erkennt – und warum frühe Abklärung zählt.

„Kann bei der Operation der Nerv verletzt werden? Und was ist dieses Sudeck, von dem man so viel hört?“ Diese beiden Fragen kommen vor einer Operation beim Karpaltunnelsyndrom häufig, und manchmal auch danach, wenn die Hand sich anders anfühlt als erwartet. Beschwerden nach der OP sind ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Hier ordne ich ein, wie selten diese Komplikationen tatsächlich sind, woran man sie erkennt und warum es sich lohnt, früh nachzusehen.

Das Wichtigste in Kürze

• Echte Nervenverletzungen sind selten. Bleibende Schäden an Nerven, Gefäßen oder Sehnen betreffen weniger als eine von 200 Operationen.
• Häufiger ist eine vorübergehende Nervenreizung, die sich in Wochen bis Monaten zurückbildet.
• Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS), früher Morbus Sudeck, ist ebenfalls selten. Ausgeprägte Verläufe sind die Ausnahme, leichte, vorübergehende Formen kommen häufiger vor.
• Warnzeichen: neue Taubheit oder Lähmung, die vor der OP nicht da war, brennender Schmerz, der nicht zum Eingriff passt, Schwellung, Verfärbung, Temperatur- und Schweißveränderungen.
• Bei beidem gilt: früh abklären. Beim CRPS sind eine frühe Diagnose und ein früher Behandlungsbeginn besonders wichtig.

Wie häufig sind Nervenverletzungen?

Bei der Karpaltunnel-Operation wird das Band direkt über dem Mittelnerv durchtrennt. Der Nerv selbst, sein Ast zur Daumenballenmuskulatur und ein kleiner Hautast liegen dabei in der Nähe. Dass einer davon verletzt wird, kommt vor, aber selten.

In einer großen Auswertung von rund 28.000 Operationen lagen bleibende Schäden an Nerven, Gefäßen oder Sehnen unter einem halben Prozent. Vorübergehende Beschwerden wie Taubheit oder Kribbeln, die sich wieder zurückbilden, sind häufiger.

Ich setze drei Verfahren ein: die ultraschallgezielte Spaltung mit SpireCut, ohne Hautschnitt, in örtlicher Betäubung und ohne Blutsperre, die endoskopische Operation und die mini-offene Operation für komplexe Fälle und Revisionen. Bei der ultraschallgezielten Spaltung sehe ich den Nerv während des Eingriffs im Ultraschall, bei der endoskopischen über die Kamera, bei der mini-offenen direkt. Ein Restrisiko besteht bei jedem Verfahren. Die Unterschiede zwischen den Verfahren habe ich unter offen oder endoskopisch beschrieben.

Nervenreizung oder Nervenverletzung: der Unterschied

Nicht jedes neue Taubheitsgefühl nach der OP ist eine Verletzung. Durch Schwellung, Zug oder Druck während des Eingriffs kann der Nerv vorübergehend gereizt sein. Man spricht von einer Neurapraxie: Der Nerv ist intakt, leitet aber für eine Zeit schlechter. Das bildet sich in aller Regel vollständig zurück.

Bei einer echten Verletzung ist der Nerv oder ein Nervenast teilweise oder ganz durchtrennt. Das zeigt sich meist so:

• Taubheit in einem Bereich, der vor der OP nicht betroffen war, etwa an einer Fingerseite oder in der Hohlhand.
• Plötzlich schwächerer Daumen, der sich nicht mehr gut gegen die Finger führen lässt.
• Ein elektrisierender Schmerz beim Beklopfen einer bestimmten Stelle, typisch für ein Neurom, also einen schmerzhaften Nervenknoten.

Bei Revisionen zeigt sich ein klares Muster: Völlig neue Beschwerden nach der Karpaltunnel-OP sprechen meist für eine Verletzung eines Nervenastes. Beschwerden, die nach der OP einfach geblieben sind, weisen dagegen eher auf eine unvollständige Spaltung oder eine andere Ursache hin. Und die unvollständige Spaltung ist dabei deutlich häufiger als eine Verletzung. Wie sich die normale, langsame Erholung von einem Problem unterscheidet, lesen Sie unter Taubheit nach der Karpaltunnel-OP.

Was ist CRPS (Morbus Sudeck)?

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom ist eine Fehlregulation nach einer Verletzung oder Operation. Der Körper reagiert auf den Eingriff mit Schmerzen, Schwellung und Durchblutungsstörungen, die weit über das hinausgehen, was nach diesem Eingriff zu erwarten wäre. Ärztinnen und Ärzte unterscheiden zwei Formen: CRPS Typ I ohne nachweisbare Nervenverletzung, das ist die häufigere, und CRPS Typ II mit Nervenverletzung.

Wie häufig CRPS nach einer Karpaltunnel-OP auftritt, ist schwer zu beziffern. Die Angaben reichen von 0,1 bis rund 8 Prozent. Der große Unterschied liegt vor allem daran, wie genau nachuntersucht wird: Wer gezielt nach leichten, vorübergehenden Formen sucht, findet mehr. Für Sie heißt das: Ein ausgeprägtes CRPS ist selten. Frühe, leichte Zeichen sind häufiger, und genau deshalb lohnt es sich, sie ernst zu nehmen.

Woran man CRPS erkennt

Für die Diagnose verwenden wir international einheitliche Kriterien, die sogenannten Budapest-Kriterien. Vereinfacht müssen vier Bedingungen erfüllt sein:

• Ein anhaltender Schmerz, der in seiner Stärke nicht zum auslösenden Ereignis passt.
• Beschwerden aus mindestens drei von vier Bereichen, die Sie selbst bemerken: Empfindung (Überempfindlichkeit, Schmerz bei Berührung), Durchblutung (Temperaturunterschied, Hautfarbe), Schwellung oder Schwitzen, Beweglichkeit und Gewebe (Steifheit, Schwäche, veränderte Haare, Nägel oder Haut).
• Bei der Untersuchung sichtbare Zeichen in mindestens zwei dieser Bereiche.
• Keine andere Erklärung, die die Beschwerden besser erklärt, etwa eine Infektion.

Wichtig ist der letzte Punkt: Schwellung und Schmerz kommen nach jeder Operation vor. CRPS ist es erst dann, wenn das Ausmaß und der Verlauf nicht zur normalen Heilung passen.

Warnzeichen: Wann Sie sich melden sollten

• Taubheit, Kribbeln oder Schwäche, die vor der OP nicht da waren oder nach der OP zunehmen.
• Schmerzen, die nach der ersten Woche stärker statt schwächer werden, oft brennend, auch in Ruhe und nachts.
• Die ganze Hand schwillt an, nicht nur die Wundgegend.
• Die Haut ist glänzend, rot-bläulich verfärbt, deutlich wärmer oder kälter als die andere Hand, schwitzt auffällig.
• Schon leichte Berührung, etwa der Ärmel, tut weh.
• Die Finger werden zunehmend steif.

Wenn Sie eines davon bemerken, warten Sie nicht bis zur nächsten geplanten Kontrolle. Alles, was nicht in diese Liste passt, ist meist harmlos. Was an der Narbe in den ersten Wochen normal ist, steht unter Narbe und Beschwerden nach der Karpaltunnel-OP, Schmerzen im Handballen beschreibe ich unter Pillar-Syndrom.

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Wie ich abkläre

Bei neuer Taubheit oder Schwäche untersuche ich zuerst genau, welches Hautareal und welche Muskeln betroffen sind. Das verrät, welcher Ast des Nervs gestört ist. Mit dem hochauflösenden Ultraschall lassen sich der Mittelnerv und seine Äste im Operationsgebiet darstellen: ob der Nerv durchgehend ist, ob ein Neurom entstanden ist, ob er in Narbe liegt und ob das Band vollständig gespalten ist. Die Nervenleitmessung zeigt, wie stark die Funktion gestört ist, am besten im Vergleich zum Befund vor der OP. Wie sich die beiden Untersuchungen ergänzen, erkläre ich unter Ultraschall oder NLG.

Beim Verdacht auf CRPS ist die Diagnose vor allem klinisch: Gespräch, Seitenvergleich von Temperatur, Schwellung und Beweglichkeit, Ausschluss einer Infektion. Zusatzuntersuchungen dienen in erster Linie dazu, andere Ursachen auszuschließen.

Behandlung

Nervenreizung: Sie bildet sich meist von selbst zurück. Ich kontrolliere den Verlauf in Abständen, damit nicht übersehen wird, wenn etwas stillsteht.

Nervenverletzung: Ist ein Nerv oder Nervenast durchtrennt, ist eine operative Versorgung möglichst bald zu prüfen. Ein schmerzhaftes Neurom lässt sich ebenfalls operativ behandeln. Solche Eingriffe und Revisionen kann ich nicht endoskopisch oder ultraschallgezielt durchführen. Es braucht einen Schnitt, damit ich Nerv und Narbengewebe direkt sehe. Meistens reicht ein mini-offener Zugang. Bei komplexen Revisionen, gerade bei Nervenverletzungen, muss ich auch einmal einen größeren Schnitt machen. Mehr dazu unter Revision nach Karpaltunnel-OP.

CRPS: Hier gibt es keine einzelne Therapie, die sicher wirkt. In der Praxis bewährt sich ein abgestuftes Vorgehen aus ausreichender Schmerzbehandlung, Hand- und Ergotherapie und, je nach Ausprägung, gezielten Medikamenten. Die Behandlung wird auf den einzelnen Menschen zugeschnitten. Bei ausgeprägtem Verlauf arbeite ich mit Schmerzspezialisten zusammen.

Je früher CRPS erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Aussichten. Langes Abwarten mit einer schmerzhaften, geschonten Hand ist der ungünstigste Weg.

Kein Grund zur Angst vor der Operation

Ich schreibe über diese Komplikationen, weil Betroffene gut informiert sein sollen, nicht um Angst zu machen. Für die allermeisten Patientinnen und Patienten verläuft die Operation ohne Nervenverletzung und ohne CRPS. Einen Überblick über alle Risiken finden Sie unter Risiken der Karpaltunnel-OP, alle Ursachen für Beschwerden nach dem Eingriff auf der Seite Beschwerden nach der Karpaltunnel-OP. Wer vor der Operation unsicher ist, ob die Beschwerden überhaupt zum Karpaltunnelsyndrom passen, findet im Selbsttest eine erste Orientierung.

Häufige Fragen

Wie häufig wird der Nerv bei der Karpaltunnel-OP verletzt?
Selten. In einer Auswertung von rund 28.000 Operationen lagen bleibende Schäden an Nerven, Gefäßen oder Sehnen unter einem halben Prozent. Vorübergehende Nervenreizungen sind häufiger und bilden sich meist zurück.

Woran erkenne ich eine Nervenverletzung nach der OP?
Typisch ist Taubheit oder Schwäche, die vor der OP nicht da war, etwa an einer Fingerseite oder am Daumen, oder ein elektrisierender Schmerz an einer bestimmten Stelle. Dann sollten Sie die Hand rasch untersuchen lassen.

Was ist Morbus Sudeck nach der Karpaltunnel-OP?
Morbus Sudeck ist die alte Bezeichnung für das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS). Dabei treten Schmerzen, Schwellung, Haut- und Temperaturveränderungen auf, die deutlich stärker sind als nach dem Eingriff zu erwarten.

Wie häufig ist CRPS nach der Karpaltunnel-OP?
Die Angaben reichen von 0,1 bis rund 8 Prozent, je nachdem, wie genau nachuntersucht und wie die Diagnose gestellt wurde. Ausgeprägte Verläufe sind selten.

Wie wird CRPS behandelt?
Eine einzelne Therapie mit sicherer Wirkung gibt es nicht. In der Praxis wird Schmerzbehandlung mit Hand- und Ergotherapie und, je nach Ausprägung, gezielten Medikamenten kombiniert. Wichtig ist ein früher Beginn.

Quellen

• Benson LS et al., Komplikationen der endoskopischen und offenen Karpaltunnelspaltung, Literaturauswertung von 80 Studien, Arthroscopy 2006: PubMed 16952718
• Vasiliadis HS et al., Endoskopische Karpaltunnelspaltung, Cochrane-Review 2014, 28 Studien, 2.586 Hände: PubMed 24482073
• Li Y et al., Offene gegenüber endoskopischer Karpaltunnelspaltung, Metaanalyse randomisierter Studien, BMC Musculoskelet Disord 2020: PubMed 32340621
• Jones NF et al., Revisionsoperationen bei anhaltendem und wiederkehrendem Karpaltunnelsyndrom, Plast Reconstr Surg 2012: PubMed 22090245
• Stütz N et al., Revisionsoperationen nach Karpaltunnelspaltung, Befunde bei 200 Fällen, J Hand Surg Br 2006: PubMed 16257100
• da Costa VV et al., Häufigkeit des CRPS nach Karpaltunnelspaltung, Rev Bras Anestesiol 2011: PubMed 21724005
• Mertz K et al., CRPS nach offener und endoskopischer Karpaltunnelspaltung in US-Versicherungsdaten, J Wrist Surg 2019: PubMed 31192042
• Harden RN et al., Validierung der Budapest-Kriterien für das CRPS, Pain 2010: PubMed 20493633
• Harden RN et al., CRPS: praktische Leitlinie zu Diagnose und Behandlung, 5. Auflage, Pain Med 2022: PubMed 35687369
• Ferraro MC et al., Behandlung von Schmerz und Behinderung beim CRPS, Cochrane-Übersicht 2023: PubMed 37306570
• Smart KM et al., Physiotherapie beim CRPS Typ I und II, Cochrane-Review 2022: PubMed 35579382
• Li Z et al., CRPS nach Handoperationen, Hand Clin 2010: PubMed 20494753

Dr. Bézard erklärt es im Video

Karpaltunnel-OP: diese Risiken sollten Sie vorher kennenWelche Komplikationen bei der Karpaltunnel-Operation vorkommen, wie häufig sie sind und woran man sie erkennt — offen dargestellt von OA Dr. Georg C. Bézard.

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